Was wir beim Gründen gerne früher gewusst hätten
- Naomi Poloni
- vor 13 Minuten
- 5 Min. Lesezeit
Gründen fühlt sich am Anfang oft wie ein grosser Sprung an. Da ist diese Mischung aus Aufbruchsstimmung, Energie und dem festen Glauben daran, dass die eigene Idee genau zur richtigen Zeit kommt. Man hat Pläne, Visionen und das Gefühl, endlich etwas Eigenes aufzubauen. Rückblickend merken viele die ein Unternehmen gründen jedoch, dass nicht alles, was schwierig war, zwangsläufig so schwierig hätte sein müssen. Manche Herausforderungen gehören dazu, keine Frage. Andere entstehen aus fehlender Erfahrung, falschen Annahmen oder schlicht daraus, dass man gewisse Dinge erst versteht, wenn man mitten drinsteckt.

Viele der Erkenntnisse, die uns heute selbstverständlich erscheinen, kamen leider erst nach Fehlern, Umwegen und einigen schlaflosen Nächten. Nicht, weil wir naiv waren, sondern weil Gründen ein Lernprozess ist, der sich nur begrenzt theoretisch vorbereiten lässt. Trotzdem hätten wir uns gewünscht, manche Dinge früher verstanden zu haben – nicht um Fehler komplett zu vermeiden, sondern um bewusster mit ihnen umzugehen.
1. Die Idee ist wichtig – das Team ist entscheidend
Eine der wohl wichtigsten Erkenntnisse betrifft die Rolle der Idee. Gerade am Anfang dreht sich fast alles um sie. Man feilt, optimiert, erklärt und verteidigt sie. Doch mit der Zeit wird klar: Nicht die Idee entscheidet über Erfolg oder Scheitern, sondern die Menschen, die sie umsetzen. Ein funktionierendes Team kann eine mittelmässige Idee weiterentwickeln, anpassen und tragfähig machen. Umgekehrt scheitern brillante Konzepte oft daran, dass Kommunikation nicht funktioniert, Erwartungen unausgesprochen bleiben oder Konflikte vermieden statt gelöst werden. Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege klingen am Anfang nach Bürokratie, sind aber in Wahrheit eine Form von Prävention. Hätten wir früher verstanden, wie zentral diese Themen sind, hätten wir uns einige Reibungsverluste ersparen können.
2. Perfektion ist der Feind des Starts
Eng damit verbunden ist der Wunsch nach Perfektion, der viele Gründungen unnötig verzögert. Das Produkt ist noch nicht ganz rund, die Website könnte besser sein, das Angebot fühlt sich noch nicht „fertig“ an. Die Wahrheit ist: Es wird diesen perfekten Moment nicht geben. Was wir gerne früher akzeptiert hätten, ist, dass ein unfertiger Start mit echtem Feedback wertvoller ist als monatelanges Planen im stillen Kämmerlein. Lernen entsteht nicht durch Nachdenken allein, sondern durch Handeln, Scheitern, Anpassen und erneutes Ausprobieren.
3. Kunden sind keine Theorie
Ein weiterer Punkt, den wir unterschätzt haben, ist die Rolle von Kunden. Annahmen fühlen sich oft erstaunlich stabil an, solange man sie nicht überprüft. Erst im Gespräch mit echten Menschen zeigt sich, ob ein Problem wirklich so dringend ist, wie man glaubt, oder ob man an den eigentlichen Bedürfnissen vorbeiarbeitet. Früher und häufiger zuzuhören hätte uns geholfen, klarer zu positionieren, unnötige Features zu vermeiden und echte Nachfrage schneller zu erkennen. Kundenfeedback ist kein Zusatz, den man sich „später“ leisten kann, sondern ein Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut.
4. Cashflow schlägt Vision
So sehr Visionen, Sinn und Leidenschaft antreiben – irgendwann holt einen die Realität der Zahlen ein. Cashflow klingt unromantisch, ist aber essenziell. Wir haben unterschätzt, wie schnell Geld knapp werden kann, wie lange Verkaufsprozesse dauern und wie viel Energie es kostet, Umsatz verlässlich zu planen. Eine gute Idee und viel Motivation ersetzen keine Liquidität. Ein funktionierender Cashflow schafft Freiheit, Ruhe und die Möglichkeit, langfristig an der eigenen Vision zu arbeiten, statt ständig im Krisenmodus zu reagieren.
5. Gründen ist emotional anstrengender als gedacht
Was in vielen Gründungsnarrativen kaum Platz findet, ist die emotionale Seite. Über Erfolge spricht man gerne, über Zweifel, Angst und Überforderung deutlich weniger. Dabei gehören sie zum Alltag. Entscheidungen fühlen sich plötzlich endgültig an, Verantwortung lastet schwerer als erwartet und selbst kleine Rückschläge können sich unverhältnismässig gross anfühlen. Früher hätten wir gerne gewusst, dass all das normal ist – und dass man da nicht alleine durch muss. Offen darüber zu sprechen, nimmt Druck und schafft Verbindung.
6. Fokus ist eine Superkraft
Mit wachsender Erfahrung wird auch klar, wie mächtig Fokus ist. Zu viele Ideen, zu viele Optionen und zu viele potenzielle Chancen klingen zunächst positiv, führen aber oft dazu, dass man sich verzettelt. Ohne klare Prioritäten wird nichts richtig gut, Energie verpufft und Fortschritt bleibt aus. Nein zu sagen ist unangenehm, aber notwendig. Bewusste Reduktion ist kein Verlust, sondern eine Voraussetzung für Tiefe und Qualität.
7. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche
In diesem Zusammenhang hätten wir auch früher lernen dürfen, Hilfe anzunehmen. Mentorinnen, andere Gründer und Netzwerke existieren nicht ohne Grund. Viele Fehler wurden bereits gemacht, viele Fragen schon unzählige Male gestellt. Gründen bedeutet nicht, alles alleine schaffen zu müssen. Im Gegenteil: Austausch verkürzt Lernkurven und relativiert Probleme, die sich im eigenen Kopf oft grösser anfühlen, als sie sind.
8. Wachstum löst nicht automatisch Probleme
Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Wachstum automatisch Probleme löst. Mehr Kundschaft, mehr Umsatz oder mehr Sichtbarkeit sollen es irgendwann einfacher machen. In der Realität verstärkt Wachstum jedoch bestehende Schwächen. Unklare Prozesse werden chaotisch, Kommunikationsprobleme lauter und fehlende Strukturen rächen sich. Skalierung funktioniert nur, wenn das Fundament stabil ist. Früh über Prozesse, Kultur und Entscheidungswege nachzudenken, zahlt sich später massiv aus.
9. Entscheidungen unter Unsicherheit gehören dazu
Auch der Umgang mit Unsicherheit ist etwas, das man nicht wirklich üben kann, bevor man gründet. Viele Entscheidungen müssen mit unvollständigen Informationen, widersprüchlichen Meinungen und echtem Risiko getroffen werden. Der perfekte Zeitpunkt kommt selten. Was wir gerne früher verstanden hätten, ist, dass Entscheidungen nicht perfekt sein müssen. Sie müssen lediglich gut genug sein, um den nächsten Schritt zu ermöglichen. Korrigieren gehört dazu.
10. Erfolg sieht von innen oft ganz anders aus
Von aussen wirkt Gründen oft frei, aufregend und erfolgreich. Von innen fühlt es sich häufig nach permanentem Hinterfragen an. Man vergleicht sich mit anderen, die scheinbar weiter sind, und übersieht dabei, dass Erfolg selten ein klarer Moment ist. Meist erkennt man ihn erst rückblickend. Sich weniger mit idealisierten Erfolgsgeschichten zu messen, hätte uns viel Druck genommen.
11. Pausen sind kein Luxus, sondern Voraussetzung
Ein weiterer Punkt, den wir unterschätzt haben, ist die Bedeutung von Pausen. Leistung wird im Gründungskontext oft glorifiziert: lange Tage, kurze Nächte, ständiges „Hustle“. Doch Erschöpfung schleicht sich langsam ein, Kreativität leidet unter Dauerstress und gute Entscheidungen brauchen Energie. Pausen sind kein Luxus, sondern Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.
12. Gründen verändert Menschen
Nicht zuletzt verändert Gründen Menschen. Prioritäten verschieben sich, das Selbstbild wandelt sich, Selbstvertrauen wächst – manchmal auch durch schmerzhafte Erfahrungen. Man lernt, Verantwortung zu tragen, mit Unsicherheit zu leben und unbequeme Entscheidungen zu treffen. Es ist in Ordnung, unterwegs nicht mehr dieselbe Person zu sein wie am Anfang. Wachstum gilt nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für einen selbst.
Fazit
Abschliessend bleibt die Erkenntnis, dass Gründen kein einmaliger Beweis von Mut ist, sondern eine tägliche Entscheidung. Weiterzumachen, zu lernen und sich anzupassen. Nicht alles wird einfacher, aber vieles wird klarer. Vielleicht ist genau das die wichtigste Einsicht, die wir gerne früher gehabt hätten: Man gründet kein perfektes Unternehmen. Man entwickelt es Schritt für Schritt – und wächst dabei mit.
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